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Pflege kurz vorm Warnstreik



Unter Zeitdruck ist keine angemessene Pflege mehr möglich.
Unter Zeitdruck ist keine angemessene Pflege mehr möglich.

Am 17. März sollte an der Berliner Charité ein Warnstreik des Pflegepersonals stattfinden, um die letztes Jahr ins Stocken geratenen Gehaltsverhandlungen wieder in Gang zu bringen. Die Klinikleitung verhinderte den Streik rechtzeitig, indem sie Schlichtungsbereitschaft signalisierte. Wohl wissend, dass das Pflegepersonal nicht nur eine Drohung ausgesprochen hatte.

Das ist neu. Moralische Bedenken hatten bisher immer wieder dafür gesorgt, dass trotz widrigster Bedingungen die Arbeit in Krankenhäusern und Pflegeheimen aufrecht erhalten und nicht gestreikt wurde. Was in anderen Wirtschaftszweigen ein probates Mittel ist, funktioniert eben nur erschwert, wenn bei Arbeitsniederlegung Leben gefährdet sind oder auf Hilfe angewiesene Menschen sich selbst überlassen werden.

Stattdessen versammelten sich an jenem Tag über 150 Unterstützerinnen und Unterstützer für eine Kundgebung vor dem Campus der Charité in Berlin Mitte. Die Gewerkschaft ver.di und das Bündnis Berlinerinnen und Berliner für mehr Personal im Krankenhaus wollten so ein Zeichen setzen gegen den Personalnotstand in den Krankenhäusern und für die breite Solidarität aus der Bevölkerung. Gemeinsam zogen die Demonstrierenden anschließend vor das Bundesministerium für Gesundheit.

Das Thema Pflege geht alle an

Der Tag mag optimistisch stimmen, die überschaubare Anzahl der Beteiligten zeigt jedoch: das Thema Pflege geht zwar alle an, aber nur wenige setzen sich für bessere Arbeitsbedingungen ein. Dabei bilden sie doch eine Grundlage für die menschwürdige Pflege kranker oder alter Menschen. Aus diesem Grund haben Gewerkschaft und Aktions-Bündnis am  26. März in den Wedding zu einem Informationsabend geladen. Nur dreißig Interessierte sind gekommen, um den eindringlichen Schilderungen der Menschen auf dem Podium zuzuhören. 

Der Pflegedienstleiter

Frank Schumann, ehemaliger Pflegedienstleiter und nun Mitarbeiter bei Pflege in Not sowie der Fachstelle für pflegende Angehörige, blickt zurück und benennt die Einführung der Pflegeversicherung als jenen Punkt, an dem es bergab ging. "Pflegen kann jeder" sagte seinerzeit Norbert Blüm und Schumann nennt diesen Satz repräsentativ für die Haltung der Bevölkerung gegenüber dem, was in der Pflege tatsächlich geleistet wird. Die Annahme der Regierung von 1995, dass der Markt die Pflege schon regeln würde, ging nicht auf. Einige private Anbieter versuchten nun, in diesem Bereich viel Geld zu verdienen. Die Vergütung der Pflegenden wurde immer mehr reduziert und auch die Grenzen ihrer Belastbarkeit wurde immer weiter überschritten. Idealismus, Empathie und Verantwortungsbewusstsein der Pflegenden werden von Menschen mit rein finanziellen Interessen ausgenutzt. "Wer pflegt, macht das schließlich nicht, weil er nichts Besseres zum Arbeiten findet" erklärt Schumann.

Die Kinderkrankenschwester und die Pflege

Ulla Hedemann ist Kinderkrankenschwester in der Charité. Sie berichtet von ihrem Berufsalltag, in dem etwa jeder Pfleger und jede Pflegerin für 15 kranke Menschen verantwortlich ist. Ideal wäre es jedoch eine Quote von fünf. Sie erzählt, wie sie kategorisch versucht, alles abzuarbeiten, was jeden Tag ansteht. "Das, was man mal gelernt hat, kann man gar nicht erfüllen" sagt sie resigniert. "Auch nicht mit Überstunden" Sie erzählt, wie schwierig es ist, nicht den Überblick zu verlieren, auf die vielen wichtigen Kleinigkeiten zu achten, immer Ruhe auszustrahlen und vor allem allen gerecht zu werden. Es ist völlig normal, dass in einem Raum ein Mensch stirbt, im nächsten ein Notfallpatient liegt und im dritten ein Kind schreit, das ihre Hilfe benötigt. Und zwischen all dem findet noch der Klinikalltag mit seinen Routinen statt.

Damit Streik endlich auch in diesem Umfeld ein Druckmittel werden kann, wurde ein Modell ausgearbeitet: Der Streik muss rechtzeitig angekündigt werden, so dass die Krankenhausleitung genügend Zeit hat, Kranke zu verlegen, Operationen erst gar nicht anzusetzen und keine weiteren Patienten aufzunehmen. Wenn vom Streik eine ganze Station betroffen ist, beträgt die Vorlaufzeit sieben Tage - ansonsten nur drei. Selbstverständlich verpflichten sich die Mitarbeiter, keinen Patienten, der womöglich während des Streiks doch noch auf der Station liegt, nicht zu behandeln. Die Klinikleitung ist jedoch verpflichtet, hier so schnell als möglich für eine Verlegung zu sorgen. Das Modell stößt bei immer mehr Mitarbeitern auf Resonanz. 

Die pflegende Angehörige

Ingeborg Grade ist pflegende Angehörige. Sie hat großes Verständnis für die Belange des Pflegepersonals. Bevor sie selbst krank wurde und sich nicht mehr um ihren Mann kümmern konnte, der seither in einem Heim lebt, hatte sie keine Ahnung, wie schlecht es um die Bedingungen in Krankenhäusern, Pflegenheimen und der ambulanten Pflege bestellt ist. Seither ist sie jeden Tag Zeugin von schwierigen Situationen, die von Pflegenden kaum zu bewältigen sind. Sie bemüht sich deshalb darum, die Angestellten im Pflegeheim Ihres Mannes so viel als möglich zu entlasten. "Aber das ist ja doch nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Ich meckere auch nicht mehr, wenn mal etwas schiefläuft. Denn jeden Tag frage ich mich, wie diese Belastung überhaupt auszuhalten ist."

Gemeinsame Mobilisierung im Pflegebereich

Erst wenn Menschen ganz direkt betroffen sind, wird ihnen das ganze Ausmaß der schlechten Bedinungen im Pflegebereich überhaupt bewusst. Erst dann entwickelt sich eventuell die Bereitschaft, diese schlechten Bedinungen nicht mehr hinzunehmen und sich für eine Veränderung einzusetzen. Das ist vermutlich auch einer der Gründe dafür, weshalb die politische Bewegung für eine bessere Pflege noch so klein ist. Hinzu kommt, dass es im Bereich der ambulanten Pflege wenig Druckmittel gibt: Hier können Patienten und Patientinnen bei einem Streik nicht einfach verlegt werden. Viele Pflegerinnen und Pfelger haben auch einfach keine Energie mehr, sich nach der anstrengenden Arbeit arbeitspolitisch zu engagieren, zu Veranstaltungen zu gehen, Menschen zu mobilisieren. 

"Wie können wir eine Massenbewegung werden?" fragt eine Frau aus dem Publikum, die auch in der Pflege tätig ist. Ein Anfang wäre es, wenn sich pflegende Angehörige, Pfleger aus Krankenhäusern und der ambulanten Diensten zusammen täten, um gemeinsam für bessere Bedingungen in der Pflege zu kämpfen. Und jene, die aus Furch vor Alter und Krankheit lieber nicht so genau über die Pflege nachdenken, solange es sie nicht direkt betrifft, müssen überzeugt werden, wie wichtig dieser Kampf ist. Ein erster Streik könnte Einiges ins Rollen bringen.

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